Wendejazz – Jazz in Dresden rund um die politische Wende 1989

Vorwort

Vorwort

Als wir das durch Mathias Bäumel entwickelte Projekt „Wendejazz – Jazz in Dresden rund um die politische Wende 1989“ – in Kooperation mit dem Hannah-Arendt-Institut und gefördert durch den Freistaat – zu bearbeiten begannen, hatten wir noch unklare Vorstellungen, wie mit dem Material, insbesondere der Birthler-Behörde, umzugehen sei. Ein großes Dankeschön an die besagten Einrichtungen möchte ich hier schon einflechten. Ohne die Unterstützung des Projektes durch das Förderprogramm „20 Jahre Friedliche Revolution und deutsche Einheit“ und durch das Hannah-Arendt-Insitut hätte dieses Projekt nicht realisiert werden können.

Bild vergrößern Ruine des Kurländer Palais mit Eingang in den Jazzclub Tonne, etwa 1990 (Uwe Lehmann)

Ruine des Kurländer Palais mit Eingang in den Jazzclub Tonne, etwa 1990 (Uwe Lehmann)

Neben unserer eigenen Unsicherheit war unklar auch, was überhaupt zutage gefördert werden könnte. Wichtiger als die Veröffentlichung von Namen erschien uns zwar, Mechanismen der staatlichen Unterdrückungsmaschinerie zu dokumentieren und auch die Rolle der Subkultur Tonne zu klären. Was aber, wenn Personen als IM wirkten die geschätzt wurden, wenn im Ergebnis der Recherchen in den Archiven Emotionen frei wurden, das Gefühl getäuscht worden zu sein, wenn Vertrauen gebrochen wurde? Erwächst aus einer solchen Erkenntnis nicht auch das Bedürfnis, sagen wir es doch ehrlich, nach Rache?

Wir wurden der Entscheidung enthoben, da die Archive – ins­besondere in der Zeit des 20-jährigen Jubiläums – hoffnungslos überlastet waren. Unsere Erkenntnisse, die wir zum Dresdner Jazz in der Wendezeit gewinnen konnten, beruhen in einem starken Maße auf einer Diplomarbeit von Viviane Czok-Gökkurt, die Mathias Bäumel initiiert und mit betreut hat. Bei beiden möchte ich mich für ihre durch Wahrhaftigkeit im Forschergeist getragene Arbeit bedanken. Ebenso bei Kerstin Hübsch für ihre gelungenen Bemühungen, diesem Geist im Layout eine adäquate Form zu geben sowie bei Mandy Rosenstiel, die die organisatorischen Fäden des Projektes mit der Meisterschaft einer Puppenspielerin in ihren Händen hielt.

Viviane Czok-Gökkurt schreibt zum Schluss ihrer Arbeit zu den Recherchemöglichkeiten: „Für diese Arbeit war lediglich eine einmalige Anfrage bei der BStU möglich. Diese Anfrage musste aufgrund der langen Be­arbeitungszeit unmittelbar zu Beginn der Recherchetätigkeit e­rfolgen und beruhte unter anderem nur auf den Hinweisen eines Interviews. Die ‚Trefferchance‘ war demnach sehr gering. Zudem muss beachtet werden, dass die Mitarbeiter der Behörde alleinig entscheiden, welche Materialien vorgelegt werden und welche nicht.“

Wohl blieb uns eine konkrete Entscheidung erspart, nicht aber ethische Überlegungen zu dem betreffenden Thema. Ich möchte an dieser Stelle an ein bemerkenswertes Buch erinnern. 2007 erschien „Der Luzifer-Effekt. Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen“ von Phillip Zimbardo, dem Leiter des berühmten Stanford-Prison-Experiments, in Deutschland vielen als Film bekannt.

Zimbardo definiert das Böse als „ein vorsätzliches Verhalten, das unschuldige Andere schädigt, missbraucht, erniedrigt, entmenschlicht oder vernichtet.“ (Zimbardo 2007, S. 3) Die entscheidende Frage, die ihn umtreibt, ist die Frage nach dem situativen Zwang. „Schenken wir den externen Determinanten unserer Gedanken, Gefühle und Handlungen zu wenig Beachtung? In welchem Maße beherrscht uns die Situation, der Augenblick, der Mob? Und gibt es irgendeine Handlung, die irgendein Mensch

irgendwann begangen hat, von der Sie absolut sicher sind, dass nichts und niemand Sie dazu bringen könnte, sich ebenso zu verhalten?“ (Zimbardo 2007, Hervorhebung H.G.)

Damit sei Denunzianten keine Absolution erteilt. Es war im Rahmen dieses Projektes nicht möglich, die situativen Zwänge in der beschriebenen Zeit herauszuarbeiten. Nur aus diesen heraus können Motive verstanden werden. Vielleicht kann die Arbeit fortgesetzt werden. Die wohl wichtigsten Erkenntnisse für mich waren, dass die IG Jazz die Tonne, ihre Spielstätte, aus dem zwang- und deshalb auch krankhaften Kontrollbedürfnis von Partei und Staatssicherheit erhielt, und dabei von der durch Hegel gern beschworenen List der Vernunft genarrt wurde, indem dem Jazz in der Tonne zunehmend auch internationale Bedeutung zugewachsen ist. Man kann es wohl ebenfalls einer listigen Weltvernunft zuschreiben, dass IMs in Leitungsfunktionen bei Musikveranstaltern den heute in etwas anderen Angelegenheiten viel beschworenen Schutzschirm aufspannten. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick erscheint. Und noch eine Erkenntnis: Die IG Jazz bzw. Jazzclub Tonne war kein Hort des Widerstandes, eine Nische bestenfalls. Neigt der Jazz zu unpolitischem Ästhetizismus? Darüber sollten wir nachdenken.

Dr. Helmut Gebauer

Vorsitzender des Jazzclub Neue Tonne e.V.

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