Wendejazz – Jazz in Dresden rund um die politische Wende 1989

Vorwort

Konzerte 1989

Oktober 1989 – eine nahezu jazzlose Zeit in den Kellerräumen der damaligen IG Jazz Dresden, der Tonne. Von den eigentlich acht geplanten Veranstaltungen fanden lediglich drei statt, darunter zwei als Kooperation mit der IG Jazz in deren Tonne.

Bild vergrößern Hanne Wandtke am 6. Oktober 1989 in der Tonne (Achim Lagler)

Hanne Wandtke am 6. Oktober 1989 in der Tonne (Achim Lagler)

Die Demonstrationen auf der Prager Straße und die öffentliche Stimmung – eine Mischung aus Protesthaltung, gesellschaftlicher Aufbrucheuphorie und Empörung gegen die Polizeizugriffe – hatte binnen weniger Tage den Interessenfokus auch bei den Jazzfans verändert.

„Wir hatten drastisch verringerte Kartenbestellungen für die Oktoberkonzerte“, erinnert sich der damalige Programmchef Frank Barwanietz. Hinzu sei gekommen, dass einige der Klub­mitglieder, die an den Konzertabenden Dienst hätten tun sollen, plötzlich nicht da waren – sie waren während der Demonstrationen von der Polizei festgenommen worden. Doch niemand wusste, wo sie waren, ob und wann sie wiederkommen würden. Andere dagegen wollten lieber demonstrieren gehen anstatt in der Tonne Bier zu zapfen.

Bild vergrößern Hanne Wandtke am 6. Oktober 1989 in der Tonne (Achim Lagler)

Hanne Wandtke am 6. Oktober 1989 in der Tonne (Achim Lagler)

„Da wir angesichts der unsicheren Lage ohnehin befürchteten, dass eventuelle Konzerte gestört werden könnten, entschlossen sich Vorstand und Geschäftsführerin, alle Konzerte bis auf drei, darunter die beiden Konzerte im Rahmen der 3. Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik am 6. und am 8. Oktober 1989, abzusagen“, so Barwanietz. Ob dies die einzigen Gründe für die vorsorglichen Veranstaltungsabsagen waren, muss dahingestellt bleiben. Dokumente darüber ließen sich bisher nicht auffinden. Zumindest kann zu denken geben, dass das einzige echte IG-Jazz-Konzert in der Tonne im Oktober 1989, das nicht abgesagt wurde, am 28. Oktober ein Dixielandabend war – von Party-Bierseligkeit mit „Ice Cream, Ice Cream“-Gesängen war jedenfalls keine Revolution zu befürchten.

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Hanne Wandtke am 6. Oktober 1989 in der Tonne (Achim Lagler)

Dass die beiden Konzerte in Kooperation mit dem Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik trotz der aufrüttelnden Ereignisse auf den Straßen der Dresdner Innenstadt sogar sehr gut besucht waren, hängt mit dem Festival-Thema „Musik und Politik“ zusammen. Das vermutet Marion Demuth, damals zuständige Leiterin des Bereiches Musikwissenschaft im Zentrum für zeitgenössische Musik.

Diesem zur Situation passenden Thema waren sowohl das Konzertprogramm der 3. Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik als auch ein viel besuchtes und von heftigen, aufbegehrenden Diskussionen gekennzeichnetes Kolloquium gewidmet.

„Die Diskussionen zum Kolloquium und die Protestresolutionen, die teils kopiert ausgelegt, teils verlesen wurden, schufen damals ein ganz besonderes Klima“, erinnert sich Marion Demuth. „Jeder spürte: Hier wird etwas wirklich Wichtiges verhandelt“, so Demuth weiter. Dieses Klima ergriff schnell auch die Konzerte – so auch die beiden, die am 6. und 8. Oktober 1989 im Rahmen der 3. Tage der zeitgenössischen Musik in der Tonne der IG Jazz stattfanden.

Ähnlich wie die etwa zur gleichen Zeit vor großem Publikum ablaufenden Ereignisse am Dresdner Staatsschauspiel („Wir treten aus unseren Rollen hinaus“), die viele Dresdner Bürger aufrüttelten, beflügelten auch die Diskussionen zum Kolloquium auf der Schevenstraße viele der Teilnehmer und ließ in ihnen die Hoffnung entstehen, gerade jetzt den Puls der Zeit zu fühlen – so bescherte, lax formuliert, die zeitgenössische Musik in den Zeiten des Umbruchs dem Jazz einen Touch von gesellschaftlichem Aufbegehren.

Am 6. Oktober 1989 fand als Doppelveranstaltung (19 und 22 Uhr) in der damaligen Tonne eine Musik-Tanz-Performance unter dem Titel „Klänge, Gesten und Gestalten“ statt.

Aufgetreten sind Roswitha Trexler (Leipzig, Sopran), Hanne Wandtke (Dresden, Tanz) und Frederic Rzewski (USA, Piano). Aufgeführt wurden damals zwei längere zeitgenössische Kompositionen, die „Ophelia-Fragmente für Sopran und Klavier“ des Italieners Luca Lombardi und Frederic Rzewskis „Antigone-Legende für Sopran und Klavier“.

Das Besondere dieser Aufführung war die tänzerische Interpretation der eigentlich rein musikalischen Kompositionen durch Hanne Wandtke. Die Komponistin Annette Schlünz, die damals die 22-Uhr-Aufführung besuchte und von Seiten des Dresdner Zentrums für zeitgenössische Musik für den Abend zuständig war, erinnert sich, dass die Programmgestalter auf ein bereits in Saarbrücken gelaufenes Projekt mit Trexler und Rzewski zurückgreifen konnten. Und es war damals Roswitha Trexlers Idee, die Musik mit dem Ausdruckstanz von Hanne Wandtke anzureichern. Die Veranstaltung sollte mit einer Videokamera für die Künstler dokumentiert werden, doch der Kameramann ging kurzfristig lieber demonstrieren.

Die Fotos von Achim Lagler sind die einzigen bekannten Dokumente des Abends.

Über diesen Abend gibt es eine einzige (Teil-)Rezension, nämlich in der Sächsischen Zeitung vom 11. Oktober 1989.

Zwei Tage später, am 8. Oktober 1989, stand in der damaligen Tonne ein Improvisationskonzert unter dem Thema „Spielauffassungen im Vergleich“ auf dem Programm. Eines unter ganz speziellen Umständen.

Angekündigt waren:

Jörg Huke – tb, electronics

Bertram Quosdorf – cl

Gert Unger – g

Peter Koch – cello

Hannes Zerbe – p, synth

Harald Thiemann – dr

Gespielt haben real:

Anstelle von Huke, der kurzfristig aus persönlichen Gründen verhindert war, spielte Günter Heinz. Bertram Quosdorf wurde durch Polizeisperren behindert, kam aber noch. Harald Thiemann war zwei Tage zuvor auf der Prager Straße verhaftet worden, an seiner Stelle trommelte der Leipziger Wolfram Dix. Organisiert wurde das per Telegramm. „Wir hatten ja noch nicht Telefon. Das ging damals mit Telegrammen, das ging ganz gut“, so Dix.

Von diesem Konzert gibt es keine Dokumente, weder Fotos noch eine Rezension in der Tagespresse.

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