Wendejazz – Jazz in Dresden rund um die politische Wende 1989

Vorwort

Nachhall – Situation nach der Wende

Unmittelbar nach 1989/90 brach auch in Dresden fast das gesamte Spektrum der Jazz-Veranstalter weg. Studentenklubs – bisher durchaus wichtige Jazz- und Rockveranstalter – wurden aus den Hochschulen ausgegliedert und fanden sich als nahezu mittellose Vereine wieder. Die Konzert- und Gastspieldirektion wurde aufgelöst; damit entfiel auch das Jazzabonnement im Hygienemuseum. Der Kulturpalast begann, nach kommerziellen Gesichtspunkten zu arbeiten; er stellte alsbald aus wirtschaftlichen Gründen alle finanziell nicht einträglichen Veranstaltungs­reihen ein.

Die IG Jazz des Kulturbundes allerdings gründete sich 1990 unter der Leitung des neuen Vorsitzenden Dr. Walther Pretzsch als „Jazzclub Tonne Dresden e. V.“ neu und avancierte unter denkbar schlechten Voraussetzungen zum zunächst einzigen bedeutenden Jazzveranstalter in der neuen sächsischen Landeshauptstadt.

Die Tonne, wie der Verein bald genannt wurde, hatte sich zwischen zwei Polen zu bewähren. Einerseits konnte man nun – anders als zu DDR-Zeiten – ohne ideologische Einschränkungen jeden Künstler buchen, andererseits reichten die Finanzen immer weniger, um den Ansprüchen eines überregional bedeutenden Jazz-Zentrums zu genügen. Anfangs gab es überhaupt keine kommunale Förderung, dann auch immer nur sehr wenig.

Durch großen Enthusiasmus, durch die Erarbeitung eines sehr guten Rufes (viele Musiker aus allen Ecken der Welt wollten unbedingt in der Tonne spielen) und – wie die damalige Geschäftsführerin des Vereins, Angelika Schmidt, zu Recht sagte – durch „gnadenlose Selbstausbeutung“ (unentgeltliche Arbeitsstunden und Lohnverzicht) gelang es der Dresdner Tonne, zur Nummer Eins unter Ostdeutschlands Jazzklubs zu werden. Tonne stand für Qualität – bis 1997 galt, dass jeder, der übers Jahr regelmäßig die Tonne besucht, viele der wichtigen innovativen Jazzer aus den USA und Europa gehört hat.

Unabhängig vom Jazzclub Tonne hatte sich in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre bis ins neue Jahrhundert hinein eine in Dresden bisher nicht gekannte Breite des Jazzangebotes herausgebildet.

Karstadt brachte Top-Stars wie James Morrison oder Dave Brubeck auf die Bühne, im Musikkeller der Galerie Saite gab es unter der künstlerischen Leitung des Avantgarde-Saxofonisten Dietmar Diesner die Reihe „30plus“, die Deutschen Werkstätten Hellerau boten zeitgenössischen Jazz, die Scheune holte regelmäßig Kultmusiker aus den USA und Großbritannien, das sozio-kulturelle Zentrum riesa efau veranstaltete ebenfalls kleine, aber feine Konzerte im Bereich des zeitgenössischen Jazz, und im Kneipenklub Bluenote ging (und geht bis heute) die Post mit überwiegend Dresdner Mainstream-, Soul- und Modernjazz ab.

Schon in der ersten Hälfte der neunziger Jahre hatte sich die Blaue Fabrik, eine Künstlervereinigung anfangs aus Musikern, Tänzern und Malern, die sich den improvisierten Künsten widmete, als Veranstalter ins Rampenlicht „gespielt“. Eine neue Qualität erreichte dieser Veranstalter in der Dresdner Neustadt, als der Posaunist und Komponist Günter Heinz das Festival Frei Improvisierter Musik 1997 von Berlin nach Dresden in die Blaue Fabrik brachte. Seither hat sich dieses Festival als deutschlandweit einziges seiner Art in Sachsens Landeshauptstadt etabliert. Die Semperoper etablierte 1993 ihre Reihe „Jazz in der Semperoper“, die mittlerweile – in den Jahren 2008, 2009 und 2010 – zum Besten gehört, was in Deutschland auf den großen Opernbühnen an zeitgenössischem Jazz angeboten wird.

Gegen Ende 2000 musste der Jazzclub Tonne e. V. Insolvenz anmelden.

Noch im Jahr 2000, am 21. November, haben Jazzfreunde den „Jazzclub Neue Tonne Dresden e. V.“ gegründet, der die künstlerischen Traditionen des bisherigen Vereins aufgreifen und auf wirtschaftlich gesunden Füßen weiterführen und ausbauen will. Im März 2002 hat der Jazzclub Neue Tonne sein Domizil in den Kellerräumen des Kulturrathauses auf der Königstraße 15 bezogen. Seither bietet er einhundert bis einhundertdreißig Veranstaltungen jährlich an.

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